Altes Laborjournal aus Jiddisch enthüllt Familiengeheimnis

Als Dr. Anneliese Krüger den alten Metallschrank im Keller ihrer emeritierten Universität ausräumen sollte, rechnete sie mit verstaubten Glaskolben und vergilbten Laborprotokollen. Stattdessen fand sie ein ledergebundenes Notizbuch, das seit Jahrzehnten hinter einer losen Rückwand verborgen gewesen war. Die Handschrift darin war weder Deutsch noch Latein, sondern eine Sprache, die sie nicht sofort erkannte.

Ein Fund im alten Laborschrank

Das Institut für physikalische Chemie sollte umgebaut werden, und Anneliese, die dort selbst promoviert hatte, half beim Ausräumen der letzten Räume im Untergeschoss. Zwischen alten Titrierapparaten und einer Kiste mit zerbrochenen Reagenzgläsern lag das Notizbuch, eingewickelt in ölgetränktes Papier. Ein handschriftlicher Vermerk auf der ersten Seite nannte einen Namen: Dr. Symcha Rosen, datiert auf das Jahr 1936.

Chemische Formeln und private Notizen

Beim vorsichtigen Durchblättern erkannte Anneliese chemische Strukturformeln, Reaktionsgleichungen und Skizzen von Destillationsapparaten, die dem heutigen Aufbau des Instituts erstaunlich ähnlich sahen. Zwischen den Formeln standen jedoch ganze Absätze in einer fremden Schrift, offenbar persönliche Kommentare des Verfassers. **Ein Kollege vermutete sofort, dass es sich um Jiddisch handeln könnte**, die Sprache vieler europäischer Wissenschaftler jener Zeit, die später vertrieben oder zum Schweigen gebracht wurden.

Die Suche nach jiddischen Sprachexperten

Um den Inhalt zu verstehen, wandte sich Anneliese an jiddische Sprachexperten, die auf historische Dokumente spezialisiert sind. Schon die ersten übersetzten Seiten zeigten, dass Rosen nicht nur Chemiker, sondern auch ein aufmerksamer Beobachter seiner Zeit war. Er beschrieb Kollegen, die das Institut verlassen mussten, und notierte in Randbemerkungen seine Sorge um die eigene Familie.

Ein hebräischer Segensspruch im Anhang

Auf der letzten Seite des Notizbuchs fand sich ein kurzer Text in einer weiteren Schrift, den ein Sprachkundiger als Hebräisch identifizierte, ein traditioneller Reisesegen, offenbar geschrieben kurz vor Rosens überstürzter Abreise aus Deutschland. Für die genaue Bedeutung dieses Abschnitts griff das Institut auf eine hebräische Textübersetzung zurück, die den religiösen und emotionalen Kontext des Segens verständlich machte.

Warum eine notariell beglaubigte Fassung wichtig ist

Da das Notizbuch möglicherweise Rosens Nachkommen zusteht, die inzwischen in mehreren Ländern leben, entschied sich die Universität, eine notariell beglaubigte Fassung anfertigen zu lassen. Nur so kann das Dokument später bei Behörden, Archiven oder in einem möglichen Erbschaftsverfahren offiziell anerkannt werden. Die beglaubigte Übersetzung schafft die rechtliche Grundlage, die eine private Entdeckung erst zu einem anerkannten historischen Zeugnis macht.

 

Ein Institut mit bewegter Geschichte

Das Institut, in dem Rosen einst forschte, wurde in den 1920er Jahren gegründet und galt als eines der modernsten seiner Art in der Region. Alte Bauakten zeigen, dass die Räume im Untergeschoss ursprünglich als Lagerraum für empfindliche Chemikalien dienten, bevor sie später zu Büros umgebaut wurden. Genau in dieser Übergangsphase, vermutet man, muss Rosen sein Notizbuch versteckt haben, wohl in der Hoffnung, es eines Tages wieder abzuholen. Diese Hoffnung erfüllte sich zu seinen Lebzeiten offenbar nie.

Kollegen und Zeitzeugen befragt

Um mehr über Symcha Rosen zu erfahren, sprach Anneliese mit emeritierten Professoren, die sich noch an Erzählungen ihrer eigenen Lehrer erinnerten. Ein pensionierter Chemiker berichtete, sein Doktorvater habe gelegentlich von einem brillanten, aber verschwundenen Kollegen gesprochen, dessen Name nie in offiziellen Publikationen auftauchte. **Diese mündlichen Überlieferungen bestätigten, was das Notizbuch nahelegte**: Rosen wurde aus dem akademischen Gedächtnis gestrichen, obwohl seine Arbeit fachlich anerkannt gewesen war.

Digitalisierung für kommende Generationen

Parallel zur Übersetzung ließ das Institut das gesamte Notizbuch hochauflösend digitalisieren. Jede Seite wurde fotografiert, katalogisiert und mit Metadaten versehen, damit Historiker und mögliche Nachkommen weltweit darauf zugreifen können, ohne das fragile Original zu gefährden. Diese Vorgehensweise folgt Standards, wie sie auch viele Archive für historische Wissenschaftlernachlässe verwenden, und stellt sicher, dass ein einzelner Fund im Keller nicht wieder in Vergessenheit gerät.

Vom Labor zur Familiengeschichte

Für Anneliese hat sich die Bedeutung des Fundes seit jenem Tag im Keller völlig verändert. Was als Aufräumaktion begann, wurde zu einer Reise durch die Geschichte einer Wissenschaftlerfamilie, die durch politische Verfolgung auseinandergerissen wurde. Das Institut plant nun, in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Museum eine kleine Ausstellung über Rosens Arbeit und Schicksal zu organisieren. Die Formeln in seinem Notizbuch mögen heute überholt sein, doch die Geschichte dahinter bleibt lehrreich: Wissenschaft und Menschlichkeit lassen sich nie vollständig trennen, und manchmal braucht es einfach die richtige Übersetzung, um eine vergessene Stimme wieder hörbar zu machen. Für Anneliese und ihre Kollegen ist klar, dass solche Funde in vielen alten Institutsgebäuden noch schlummern könnten, unentdeckt hinter losen Wandverkleidungen oder in vergessenen Aktenschränken. Sie hofft, dass ihre Geschichte andere Universitäten ermutigt, ihre eigenen Archive und Kellerräume mit derselben Neugier zu durchsuchen.